Neckargemünd: Keine Bundeswehr am Max-Born-Gymnasium!

Die Partei DIE LINKE fordert in zwei Pressemitteilungen, Kinder vor der Werbung für den Dienst an der Waffe oder für militärische Zwecke zu schützen. Anlass dazu war eine Osteraktion am Max-Born-Gymnasium in Neckargemünd.

Bitte beachten: am Ende der nachfolgenden Pressemitteilungen vom 23. bzw. 18.4.2017 finden Sie ergänzendes Informationsmaterial: u.a. Verweise auf Seiten der Schule, die klar belegen, dass die Osteraktion eine Vorgeschichte mit weitergehenden Aktivitäten von Angehörigen der Bundeswehr an dieser Schule hat.

 

Pressemitteilung vom 23. 4.2017

Wir sehen, dass wir mit unserer Kritik einen wunden Punkt getroffen haben. Über die Intentionen der initiativen Lehrerin – Naivität oder politisches Kalkül – können wir nur spekulieren. Tatsache aber ist, dass das Versenden der Osterpakete eine zutiefst politische Aktion war und den Bundeswehreinsatz de facto unterstützt.

Die Bundeswehr versucht seit mehreren Jahren, ihr Image durch Vorträge an und Zusammenarbeit mit Schulen aufzubessern und Kinder und Jugendliche in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ziel ist es, langfristig Rekrutinnen und Rekruten zu gewinnen. Wie aus einer kleinen Anfrage der LINKEN (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/085/1808597.pdf) an die Bundesregierung hervorgeht, setzt die Bundeswehr dabei auch verstärkt auf Lehrerinnen und Lehrer als Multiplikatoren und bietet sich als Referentin zu verschiedenen aktuellen gesellschaftspolitischen Themen an.

Der Vortrag eines Oberstleutnants zur aktuellen Flüchtlingspolitik und der Rolle der Bundeswehr beim Aufbau der Flüchtlingserstaufnahmestelle im Patrick Henry Village ist für diese Art der Jugendwerbung typisch. Als weitere Steigerung der Zusammenarbeit der Bundeswehr erfolgte nun die Osteraktion.

Diese ist unseres Achtens eine aktive kriegsunterstützende Handlung. Der Effekt einer solchen Aktion liegt auf der Hand. Soldaten, die ihren Einsatz und den Krieg richtig finden, fühlen sich in ihrem Tun bestätigt. Und auf diejenigen Soldaten, die an ihrem Einsatz zweifeln wird Druck aufgebaut: seht her, die Heimat steht hinter euch und schaut auf euch. So bringt man die Truppe auf Linie und sorgt für Sinnstiftung in einem ansonsten vollkommen sinnlosen Krieg. Ginge es einfach darum, den Soldatinnen und Soldaten etwas Gutes zu tun, hätten die Lehrerinnen die Osterpakete am Nachmittag als Privatperson packen können. Die Gummibärchen wären dieselben gewesen. Und als humanitäres Projekt hätte sich eine Aktion zugunsten der Welthungerhilfe, von Ärzte ohne Grenzen, dem UNHCR etc. pp. Mindestens besser geeignet.

Stattdessen versendet sie die Pakete öffentlichkeitswirksam im Namen einer öffentlichen Schule ausgerechnet zu Ostern als Kontrapunkt zu den Ostermärschen der Friedensbewegung. Kann man da wirklich noch von Zufall ausgehen?

§ 1 II 2 BW SchG (Schulgesetz Baden – Württemberg) nennt Friedensliebe explizit als Erziehungsziel an Baden – Württembergischen Schulen. Das Versenden von Süßigkeiten an Frontsoldaten kann man kaum als friedensliebend bezeichnen.

Dass unsere Kritik insbesondere bei der CDU, die vor zwei Jahren sogar den Parlamentsvorbehalt für Bundeswehreinsätze abschaffen wollte, inhaltsleere Empörungsblasen produziert, verwundert nicht weiter. Gemeinsam mit anderen hat die LINKE den Vorstoß Volker Rühes im Bundestag erfolgreich abgewehrt.

Auch wenn eine Parlamentsarmee humaner ist als eine Interventionsarmee á la Reichswehr, so darf doch nicht vergessen werden, dass auch der Reichstag 1914 für die Kriegsanleihen stimmte und Großbritannien und Frankreich 1914 mehr oder wenig demokratische Staaten waren. Den in den Schützengräben elendig umgekommenen Soldaten hat das nichts genutzt.

Politische Profilierung hat die LINKE in der Friedensfrage nicht nötig: wir haben als einzige Partei stets geschlossen gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr gestimmt und wurden mit unseren Kernforderungen Frieden und soziale Gerechtigkeit 2013 als drittstärkste Kraft in den Bundestag gewählt. In diesem sind wir Oppositionsführer.

DIE LINKE wird auch in Zukunft nicht tatenlos zusehen, wenn die Hilfsbereitschaft und der gute Wille von Kindern schamlos und in unverantwortlicher Weise für militärische Zwecke ausgenutzt wird.

 

Original Presseerklärung vom18. APRIL 2017:

Neckargemünd: Keine Bundeswehr am Max-Born-Gymnasium!

Das Verschicken von Osterpaketen an Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan durch Schüler des Neckargemünder Max – Born – Gymnasiums unterstützt aktiv den Krieg der Bundeswehr am Hindukusch und instrumentalisiert Kinder für einen aktuellen militärischen Konflikt.

Kinder zu einer solchen „Solidaritätsaktion“ anzuhalten, ist an sich schon problematisch, weil sie sie zu Akteuren in einem Konflikt werden, dessen Tragweite sie noch gar nicht ermessen können. Schlimmer noch, die Aktion setzt voraus, dass die Kinder den Auslandseinsatz der Bundeswehr bejahen, die „Arbeit“ der Soldaten würdigen und den Soldatenstand als normalen Beruf empfinden, wenn sie ihn nicht sogar gegenüber zivilen Berufen idealisieren. Diese Sicht auf das Militär und die Auslandseinsätze der Bundeswehr ist den Kindern nicht von „Natur aus“ gegeben, sondern wird durch involvierte PädagogInnen erst vermittelt. Sie machen die Kinder verfügbar für den Dienst an der Waffe und erinnern fatal an die Lehrerschaft am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Die Osterpakete versendenden Kinder von heute sind das Kanonenfutter von morgen.

Ziel solcher „Solidaritätsaktionen“ ist keineswegs, einfachen Soldaten etwas Gutes zu tun. Sie suggerieren den Soldaten vielmehr einen breiten Rückhalt durch die Bevölkerung und dienen dazu, die Moral der Truppe zu heben. Indem der Auslandseinsatz im Inland aktiv beworben und beschönigt wird, entsteht erst die Zustimmung, die das Militär für sein Handeln im Ausland benötigt. Ohne Ruhe an der „Heimatfront“ kann an der Front nun einmal nicht gekämpft werden.

Wer den deutschen Soldaten in Afghanistan wirklich etwas Gutes tun will, sollte dafür sorgen, dass sich Deutschland vom Hindukusch zurückzieht und die Soldaten nach Hause kommen. Die Bundeswehr ist seit 2001 in Afghanistan im Einsatz. Seitdem ist die Zahl der zivilen Opfer im Land kontinuierlich gestiegen. Allein in den letzten drei Jahren verloren rund 100.000 Menschen in Afghanistan ihr Leben. Die Anwesenheit der Bundeswehr hat daran nichts geändert, vielleicht hat sie das Töten sogar befördert. Bei den überlebenden Afghanen wachsen Wut, Verzweiflung und Hass – auch auf den Westen. In den letzten Monaten hat der Terror Deutschland erreicht.

Bomben und Soldaten können Konflikte nicht nachhaltig, sondern – wenn überhaupt – nur einseitig lösen. Im Vielvölkerstaat Afghanistan hat das noch nie funktioniert: eine Erfahrung, die Großbritannien und die Sowjetunion bereits schmerzlich machen mussten.

Ein politisches System, das der Bevölkerung aufgezwungen und nicht genuin von ihr getragen wird, kann niemals demokratisch sein. Es bleibt immer eine Fremdherrschaft. Wer wirklich für eine demokratische Zukunft in Afghanistan kämpfen möchte, sollte die demokratischen Akteure im Land unterstützen.

Aber um Demokratie ging es noch nie im Krieg in Afghanistan. Vielmehr dient der Auslandseinsatz der Bundeswehr der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen. Für Auslandseinsätze ist der Bundesregierung fast nichts zu teuer: sie kosten den Steuerzahler eine halbe Milliarde (also 500 Millionen) Euro pro Jahr. Wäre das Geld nicht in zivilen Projekten in Afghanistan oder in der Friedenserziehung an deutschen Schulen viel besser angelegt?

Die Partei DIE LINKE fordert daher, Kinder vor der Werbung für den Dienst an der Waffe oder für militärische Zwecke zu schützen. Bundeswehr raus aus den Schulen!


Hintergrundinformationen

Die nachfolgenden Informationen sind kein Teil der Presseerklärung!

 

Anlass der Presseerklärung

…. war ein völlig unkritischer Artikel in der RNZ:

Fünftklässler schickten Osterpakete an deutsche Soldaten in …

08.04.2017 – Max-Born-Gymnasium Neckargemünd … Region, packten sie in Pakete und schickten sie über die Feldpost der Bundeswehr nach Afghanistan.

 

Oberstleutnant am MBG referiert am Max – Born – Gymnasium

Wer annimmt, dass die rührige Versandaktion vom Himmel gefallen ist, wird erstaunt sein. Offensichtlich gab es vorher den obligatorischen Besuch der Bundeswehr:

Die Bundeswehr hat schon seit Langem ein massives Personalproblem. Deshalb  versucht sie mit gezielten Werbeaktionen an Schulen in ganz Deutschland junge Leute für den Kriegsdienst zu begeistern.

 

 

Militärbesuch in der Schule – Gymnasium Neckargemünd

Interessant: Man ist sich am Max-Born-Gymnasium offensichtlich der Brisanz der Bundeswehr und ihrer Agitatoren an der Schule bewusst:

Die Bundeswehr – ein Thema, das die Massen spaltet.

 

 

 

 

 

 

Tageszeitung junge Welt vom 14. 12.2016

Jugendmarketing

Die Personalwerber der deutschen Streitkräfte sind pausenlos im Einsatz

Allein im letzten Quartal dieses Jahres präsentierten die euphemistisch »Karriereberater« genannten Soldaten bei rund 170 Berufs- und Ausbildungsmessen den »Arbeitgeber Bundeswehr«, traten an mehr als 60 Schulen und Hochschulen auf und besuchten fast 240 Mal die Jobcenter und Berufsinformationszentren der Arbeitsagentur. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. weiter zum vollständigen Artikel

Max Born in Neckargemünd

Angesichts der bekannten Haltung von Max Born zu Atomwaffen , die in einer Festrede zur Umbenennung des Gymnasiums Neckargemünd erwähnt wird, ist die Instrumentalisierung von Fünftklässlern besonders problematisch!

 

Einige unscheinbare amtliche Mitteilungen:

 

Einsätze von Jugendoffizieren und Karriereberatern im Jahr 2015

04.05.16 – Kleine Anfrage – Drucksache Nr. 18/08305

Die Bundeswehr wirbt massiv an Schulen, um Schülerinnen und Schüler sowohl politisch von der Bundeswehr zu überzeugen als auch für einen Job beim Militär zu gewinnen. DIE LINKE lehnt die Funktionalisierung von Bildungsstätten zu militärischen Propaganda- und Rekrutierungszwecken strikt ab und unterstützt Proteste der Friedensbewegung. Weiterlesen

 

„Tag der Bundeswehr“

10.06.16 – Im Wortlaut von Christine Buchholz – Christine Buchholz und Wolfgang Gehrcke schreiben Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Namen der Fraktion DIE LINKE, weil diese am 11. Juni 2016 zum zweiten Mal einen „Tag der Bundeswehr“ veranstaltet. Weiterlesen

 

Zivilklausel

31.03.17 – Zivilklauseln in den Grundordnungen bzw. Satzungen von Hochschulen, in einem zu schaffenden Bundesforschungsgesetz oder in den Landeshochschulgesetzen sollen eine ausschließlich friedliche und zivile Forschung und Lehre an Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen gewährleisten. Weiterlesen

 


Medienecho


4 Kommentare zu „Neckargemünd: Keine Bundeswehr am Max-Born-Gymnasium!”

  • Andreas Ullrich sagt:

    Hallo,
    als LINKE“ Mitglied ist es für mich keine Frage, dass die Bundeswehr im Ausland nichts zu suchen hat ud dass sämtliche Auslandseinsätze aufgelöst gehören. Wenn humanitäre und technische Hilfe von Ländern gewünscht ist, kann man ja das THW und ähnliche Organisationen mit der Hilfe beauftragen. Trotzdem sei zu der Kritik des Süßigkeitenversandes angemerkt: Die letzten beiden Sätze im zweiten Absatz hätte man sich durchaus schenken können. Jungen und Mädchen im Alter vo 10 – 12 Jahren zu unterstellen, sie unterstützen mit ihrer Zustimmung und ihrer Hilfe beim Paketepacken den Krieg in Afghanistan – nur weil sie Soldat_innen auch noch als Menschen betrachten – ist schon richtig heftig krass daneben. Der Einsatz in Afghanistan soll gar nicht schön geredet werden. Vieleicht sollte man sich aber jetzt eher mit den Motiven der Lehrerschaft auseinandersetzen und mit ihnen und den schüler_innen das Gespräch suchen. Ein Kommentar, wie der von dem Menschen, der die heutige „LINKE“ noch mit der „SED“ gleichsetzt, ist aber auch im gleichen Maße komplett daneben. Zu vermuten ist allerdings, dass diese Kommentatoren irgendwann rein vom Alter her aussterben werden.

    • Anja Lorenz sagt:

      Hallo,
      den Jungen und Mädchen wurde eigentlich auch gar nicht unterstellt, den Krieg zu unterstützen, sondern der Lehrerschaft!
      Natürlich sind Soldaten Menschen. Wenn ich aber mit den Soldaten solidarisch bin und ihnen Rückhalt aus der Heimat vermitteln will, kann ich dies in zweierlei Weise tun: entweder ich sehe, dass das Leben und die Gesundheit der Soldaten in Gefahr sind – dann heißt Solidarität, für den Abzug der Truppe aus Afghanistan zu kämpfen. Oder aber ich unterstütze sie vor Ort und sorge dann dafür damit, dass sich überzeugte Soldaten in ihrem Tun bestätigt fühlen und auf kritische Soldaten Druck aufgebaut wird, der dazu führt, sie wieder auf Linie zu bringen. In diesem Fall unterstütze ich als Solidarisierer den Kriegseinsatz.
      Kinder sind immer unschuldig!!! Das kam in der Pressemitteilung auch klar rüber. Es sind vielmehr die Lehrer, die die Kinder instrumentalisieren. Im Schulgesetz steht zudem explizit, dass Kinder zur Friedensliebe erzogen werden sollen. Eine solche Aktion ist damit nicht vereinbar. Da muss man die Kinder schützen und genau das wollte die Pressemitteilung auch.
      LG
      Anja Lorenz

  • Hans Dölzer sagt:

    Wortwahl und Argumente

    Wir sollten trennen zwischen Argumenten und Wortwahl. Und letztere sollte, auch wenn man unterschiedlicher Auffassung ist, demokratischen Gepflogenheiten entsprechen, worauf sich die Gegner von Frau Lorenz ja berufen, aber nicht daran halten. Kann es sein, dass sich Schule, Parteien, Eltern und Lehrer in Neckargemünd noch nicht vom Kalten Krieg der Adenauer-Ära verabschiedet haben?
    Ich bin kein Mitglied der Linkspartei, und Frau Lorenz ist mir unbekannt. Aber sie hat natürlich recht. Die deutsche Armee, laut Grundgesetz nur zur Verteidigung aufgestellt, hat, ohne angegriffen worden zu sein, Afghanistan überfallen. Oberst Georg Klein ließ dort weit über hundert Zivilisten massakrieren, darunter Frauen und Kinder, und wurde daraufhin zum General befördert. Die Völkerrechtswidrigkeit des Angriffs wie in Jugoslawien hat Ex-Kanzler Schröder offiziell bestätigt. Das sind Fakten.
    Natürlich sind deutsche Soldaten, selbst wenn sie überleben, selbst Opfer dieser Ideologie. Ihnen per Osterpäckchen Mut zum Sterben und Töten zu vermitteln, ist ein Missbrauch von Kindern. Wenn Schulleiter Horst Linier einen Unterschied sieht zwischen dem Krieg 1914-18 und den Kriegen, die die deutsche Armee heute führt, dann vermute ich, dass er kein Geschichtslehrer ist. Sonst wüsste er, dass auch damals der Krieg „demokratisch abgestimmt“ war. Und in beiden Fällen wurde Deutschland nicht angegriffen. Es gab eine Zeit, in der man so etwas „imperialistisch“ genannt hat.
    Hans Dölzer, Hirschberg

  • giorgio sagt:

    Zitat:
    „Ein Soldat verlässt sein Land IMMER in Zivil!“
    Zitat Ende
    Ein Instruktionsoffizier der Schweizer Armee, 1980er

    Dieses Zitat sagt schon alles!
    Wer das Völkerrecht und das Grundgesetz beherzigt, weiß, dass ein Soldat, der seinen Fuß ohne UNO-Mandat oder ohne Einladung des entsprechenden Landes auf fremdes Terrain setzt, IMMER Teil einer ANGRIFFSARMEE ist! Egal, was uns Politiker oder die Medien Gegenteiliges dazu weis machen wollen; sie tun dies wider besseren Wissens und gegen Berufsethos / Berufs-Eid! Also ist die Befürwortung von solchen Kriegen, die Verherrlichung der Bundeswehr-“Berufe“ sowie die wohlwollende Berichterstattung zu Auslandseinsätzen und entsprechenden Aktionen im Inland zu solchen Einsätzen nichts weiter als Kriegspropaganda!

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